DIE SCHNEIDE­MASCHINE

Die Schneidemaschine steht für die Umwandlung des elektrischen Musiksignals – im Falle einer analogen Signalquelle von einer Bandmaschine – in die mechanische Bewegung des Schneidstichels.

Der Schnitt der Lackfolie

Komplette Neumann Schneidanlage

Vereinfachend dargestellt ist eine Schneidmaschine ein Plattenspieler, dessen Tonabnehmer umgekehrt funktioniert. Bei der Abtastung einer Schallplatte wird im Tonabnehmer eine dem Audiosignal entsprechende Spannung erzeugt, bei der Schneidmaschine wird durch die dem Audiosignal entsprechende Bewegung des Schneidstichels die Rille in die Lackfolie geschnitten.

Neumann VMS 80

Wie auch bei einem Plattenspieler ist bei der Schneidemaschine die mechanische Stabilität aller Bauteile und Komponenten für das klangliche Ergebnis entscheidend. Heutzutage noch im Einsatz sind Maschinen des US-Herstellers Scully sowie verschiedene Generationen der Neumann Schneidemaschine, die VMS 66, 70 und 80. Ab der VMS 70 war das Füllschrift-Verfahren möglich, das mit der VMS 80 weiter entwickelt wurde.
Klanglich unterscheiden sich die Weiterentwicklungen durch höheren Gleichlauf, unter anderem wegen besserer Lager ruhigerem Klangbild und durch die Verbesserungen bei dem Füllschriftverfahren größeren Dynamikumfang.
Alle Studios, mit denen Speakers Corner Records zusammenarbeitet, benutzen die Neumann VMS 80 zum Schnitt ihrer Lackfolien.

Der Schneid­kopf

Die Funktion des Füllschriftverfahrens wurde bereits im Kapitel Bandmaschine erläutert, daher soll hier nicht erneut darauf eingegangen werden. Für den Vinyl-Freund wichtig ist aber hierbei, dass durch das ausgereifte Füllschrift-Verfahren der VMS 80 neben der verlängerten Spielzeit auch klangliche Vorteile entstehen.
Ein prinzipbedingtes Problem bei der Abtastung von Schallplatten ist, dass je weiter sich der Abtaster des Plattenspielers der LP-Mitte nähert, desto mehr steigen die Verzerrungen an und sinkt die Informationsdichte pro Umdrehung. Durch die variable Rillenbreite braucht aber bei gleichbleibendem Pegel des Musiksignals nicht so weit in die Mitte einer LP geschnitten zu werden.
Weiterhin entwickelte Neumann für die VMS 80 eine Zusatzfunktion zur Unterdrückung von Vorechos, die optional installiert werden konnte.

Neben der Schneidmaschine ist natürlich der Schneidkopf eine entscheidende Komponente. Im Einsatz sind hier heutzutage der Neumann SX-74 und Ortofon DSS-732. Letzterer gilt als sehr anfällig und wird daher nur selten und von keinem unserer Studios eingesetzt. Auch LPs mit einem Mono-Musiksignal werden heute mit Stereo-Schneidköpfen geschnitten. Einerseits aus Kompa­tibilitäts­gründen (siehe Die Schneidemaschine / Formate), andererseits wurden Mono-Schneidköpfe im Hinblick auf Frequenzgang-Linearität und reduzierte Verzerrungen nicht wie Stereo-Schneidköpfe weiter entwickelt.
Trotz Heliumkühlung können die Antriebsspulen des Schneidstichels durchbrennen, dann ist selbstverständlich der Schnitt ruiniert und eine größere Investition fällig. Nur noch eine Handvoll Personen können die Reparatur vornehmen und Teile sind inzwischen so rar wie teuer. Der Schneidstichel, ein geheizter Rubin, wird nach 10-20 Betriebsstunden ausgewechselt und wird noch von 2 Herstellern angeboten.

Der Schneid­verstärker

Der Schneidkopf wird von dem Schneidverstärker angesteuert. Zu ihren Schneidmaschinen wurden von Neumann auch entsprechende Verstärker angeboten, es kommen je nach Präferenz des jeweiligen Studios aber auch andere Hersteller zum Einsatz.
Hierbei handelt es sich nicht um gewöhnliche HiFi-Verstärker, sondern speziell für diesen Einsatz konstruierte Geräte. Zum einen sind sehr hohe Leistungen gefragt, so liefert z.B. der Ortofon GO 741 2x500 Watt. Weiterhin findet im Schneidverstärker die Anpassung an die RIAA-Schneidkennline, also die Absenkung der tieferen und Abhebung der höheren Frequenzen, statt, die bei der Abtastung der Schallplatte im Phonoverstärker umgekehrt zur Anwendung kommt.
Eine weitere Aufgabe des Schneidverstärkers ist die Glättung des Frequenzgangs durch Rückkopplung, um die Resonanzfrequenz des Schneidstichels zu minimieren, die im hörbaren Bereich liegt.

Im Web sind in großem Umfang Videos zu finden, die den Lackfolienschnitt erklären. Daher hier nur eine kurze Beschreibung.
Die eigentliche Arbeit entsteht vor dem tatsächlichen Schnitt. Der Schneidingenieur muss zunächst einige Variablen in Übereinstimmung bringen: maximaler Pegel, Dynamik des Musiksignals sowie Programmlaufzeit. Davon abhängig wird manuell die Rillenbreite und das ‚Land‘ dazwischen voreingestellt. Zum Schnitt wird die Lackfolie auf den Teller gelegt und mit Unterdruck angesaugt. Danach wird, wie bei einem Plattenspieler der Tonarm, der Schneidkopf abgesenkt und der Schnitt kann beginnen. Ein- und Auslaufrille werden automatisch gesetzt, der größere Rillenabstand zwischen den Tracks manuell. Die Lackfolie muss durchgängig geschnitten werden, eine Pause ist nicht möglich.
Während des Schnitts wird am Schneidkopf der aus der Lackfolie geschnittene Span abgesaugt.

Formate

Mit dem Aufkommen der Stereo-LP Ende der 50er Jahre wurde die Spitzenverrundung der Plattenspieler-Abtastnadel auf max 15µm festgelegt. Vorher waren 25µm üblich, mit einem Stereoabtaster konnte man also die breitere Rille von frühen Mono-LPs abtasten, aber nicht umgekehrt. Mono-LPs, die heutzutage produziert werden, sind mit der geringeren Nadelverrundung geschnitten. Dies aus Gründen der Kompatibilität mit handelsüblichen Abtastern, aber auch weil Mono-Schneidköpfe praktisch nicht mehr existent sind.
Es sind also keine speziellen Mono-Abtaster notwendig, aber durchaus sinnvoll, denn mit einem Mono-Abtaster reduziert sich das prinzipbedingte Oberflächengeräusch einer Schallplatte deutlich.

Ist von Spezialschnitten wie Halfspeed eine Klangverbesserung zu erwarten? Tatsächliche Vorteile werden leider mit Problemen an anderer Stelle erkauft. Schnitte mit halber Geschwindigkeit ermöglichen zwar einen linearen Frequenzbereich bis 40000 Hz und geringere Verzerrungen zum Platteninneren hin, dafür kann die Basswiedergabe schlechter werden. Da beim Halfspeed die Bandmaschine mit halber Geschwindigkeit laufen muss, verschiebt sich die Welligkeit des Frequenzgangs in den tiefsten Frequenzen um eine Oktave nach oben. Weiterhin müssen die Filter der Bandmaschine wie der Schneidanlage an Halfspeed angepasst werden – ein sehr hoher Aufwand, wenn richtig gemacht.

Bei einem Schnitt mit 45 rpm werden die Wiedergabeverzerrungen durch die längere geschnittene Wellenlänge erheblich geringer, die Musikinformation verteilt sich also über eine längere Strecke. Durch die reduzierte Spielzeit ist es aber notwendig, das Programmmaterial entsprechend zu kürzen. Sonst muss der Pegel abgesenkt werden, was wiederum Oberflächengeräusche mehr in den Vordergrund treten lässt.

Direktschnitte, also die Aufnahme eines Musikereignisses direkt in die Schneidemaschine, schöpfen ihre Vorteile durch den Verzicht auf eine vorherige Speicherung auf Band und der größeren Sorgfalt aller Beteiligten, da die Aufnahme und Schnitt nicht wiederholbar oder zu bearbeiten sind.

Zum Beginn der 80er Jahre entwickelte die deutsche Teldec in Zusammenarbeit mit Neumann das sogenannte DMM-Verfahren (Direct Metal Mastering). Hier wird das Signal nicht in eine Lackfolie, sondern in eine mit Kupfer beschichtete Edelstahlplatte geschnitten. Dadurch entfällt die Galvanisierung der Lackfolie sowie die Herstellung des Negativs, von dem DMM-Schnitt können direkt Pressmatrizen hergestellt werden.
Dieser Eliminierung von möglichen Fehlerquellen stehen Probleme beim Schnitt gegenüber. Wegen des ungleich härteren Materials wird eine massiv höhere Leistung des Schneidverstärkers benötigt, dennoch können nur geringere Pegel als bei Lackfolienschnitten realisiert werden. Unterhalb 300Hz wird darüberhinaus das Musiksignal nur mono geschnitten. Dies kann bei bestimmten Aufnahmen, z.B. einem Orchester, in dem die Kontrabässe gewöhnlich rechts außen sitzen, deutlich hörbar sein.

Es versteht sich von selbst, dass Schneidemaschinen heute nicht mehr hergestellt werden. Für gebrauchte Einheiten gibt es einen funktionierenden Markt, es sind jedoch in jedem Falle erhebliche Investitionen notwendig. Aktuell gibt es nur sehr wenige Personen weltweit, die Schneidemaschinen kompetent reparieren können. Der Betrieb einer Schneideanlage ist also ein kostenintensives Unternehmen, rein analoge Lackfolienschnitte haben daher ihren Preis.
Grundsätzlich handelt es sich um einen Technik, die in den 80er Jahren stehen geblieben ist. Engagierte Studios modifizieren ihre Anlagen aber häufig dahingehend, dass verschiedene Steuerfunktionen digitalisiert werden. Dadurch sind präzisere Eingriffe möglich – entscheidend für die Veröffentlichungen von Speakers Corner ist aber, dass der Signalweg 100 % analog bleibt.